Die Sonne überm Fujiyama (Mount Fuji)

Über Gotemba zum Mount Fuji

Obwohl heutzutage Bier-Trekking im Allgäu beim Anbieter Pilsner-Tours die absolute Krone der Hipster-Reisen darstellt, haben wir uns für eine weniger exklusive Tour auf den Mount Fuji (lies auch mehr in unserem vorherigen Beitrag zu Tokyo) entschieden. Die Luftfeuchtigkeit war sicher genauso hoch wie im Allgäu. Doch die japanische Kultur ist ja bekanntlich anders als die Deutsche, sodass es eher einen frühen Morgen als einen langen Abend gab. Aber versuchen wir die Zellen im Kopf nochmal zu sortieren und starten am Anfang des Pilgerweges am Fuße des Berges.

Die vier heiligen Pfade zum Gipfel der Atemlosigkeit lauten Yoshida, Subashiri, Fujinomiya und Gotemba Trail. Da wir immer weniger Bock auf Leute hatten, haben wir uns entschieden, die bei den Pilgern am wenigsten beliebte Route, den Gotemba Trail zu nehmen. Richtig ist es zu glauben, dass vom gleichnamigen Ort Gotemba ein Bus zum Ausgangspunkt des Gotemba Pfades fährt, falsch ist es zu glauben, dass Mount Fuji von der Firma Fujifilm nur zu Werbezwecken aufgeschüttet wurde um das eigene Fotomaterial besser verkaufen zu können. Wir haben uns also zuerst von unserer netten Airbnb-Gastgeberin Tomo am Morgen des 25. Juli 2017 zum Bahnhof in Yachiyodai fahren lassen. Von dort ging es mit der Bahn bis zum Express-Busbahnhof nach Tokyo-Shinjuku. Dort haben wir auch spontan ein Ticket für den Express-Highway-Bus nach Gotemba bekommen. Das Wort Express würde ich in diesem Zusammenhang nicht überbewerten. 

Gotemba - kein Bock mehr auf Regen. Der Berg ruft!
Gotemba – kein Bock mehr auf Regen. Der Berg ruft!

Ausharren im Basislager Gotemba

Bei beginnendem Regen machten wir uns in Gotemba auf den ungefähr zwei Kilometer langen Fußweg zu unserer Unterkunft. Das günstigste Haus am Platz war das mit dem vielversprechenden Namen Symba Resort Hotel. Bei der Ankunft sind wir fasziniert – der Eingang hinter verschachtelten Wänden, Sichtschutz vor den Fensterscheiben. Die Lobby ist freundlich eingerichtet und hell beleuchtet, aber auch hier wurde wieder sehr auf Diskretion geachtet. Als wir anschließend unser Zimmer vom mit Säuselmusik beschallten Flur betreten, dämmert es. Draußen als auch bei uns. Das Zimmer verfügt über eine Karaoke-Anlage, 60cm Flatscreen, sämtliche Beleuchtungseinstellungen vom Bett bedienbar (wir waren wohl mental gedimmt) und im Bad eine Wanne mit Beckenbeleuchtung (oder heißt das Beckenbodenbeleuchtung?) und Wirlpool-Funktion. Na besser und diskreter kann man ja gar nicht relaxen bevor es zu den Pilgermassen auf den Fuji geht.

Tagesausflug nach Numazu

Gotemba selbst gibt nicht viel her und wirkt wie – Zitat Sina: „Eine amerikanische Motel und Restaurant Siedlung an einem Highway“. Trotzdem fesselt uns dieser Ort ungewollt eine zweite Nacht, da es draußen schüttet wie aus Kübeln und die Sicht auf dem Berg auch recht beschränkt ist. Wir haben Zeit herauszufinden, dass in Japan internationale Visa-Karten nur am Geldautomat im seven-11 Supermarkt akzeptiert werden und bei keinem anderen. Am zweiten Regentag machen wir einen kleinen Ausflug ans Meer nach Numazu. Die Sicht ist null und als es wieder zu regnen anfängt, flüchten wir auf den Tsunami Evacuation Tower, natürlich nur zur Aussucht. Die perfekte Welle bleibt uns im Juli erspart.

Obacht Welle!
Obacht Welle!
Tsunami-Tower in Numazu.
Tsunami-Tower in Numazu.
Wir sehen Meer recht spontan in Numazu.
Wir sehen Meer recht spontan in Numazu.

Zur 5th-Station des Gotemba Trails

Als wir nach der zweiten Nacht also aufbrechen, ist die Sicht auf den Berg immer noch nicht vorhanden, aber der Regen hat zumindest aufgehört. Gefühstückt haben wir in diesem „Resort“ übrigens relativ gut, aber auch das lief ziemlich diskret ab. Jeder Tisch stand in einem einzelnen Raum, den man mit Schiebetüren abschotten konnte. Die Decke war schwarz und das Fenster nicht vorhanden. Unser großes Gepäck wurde hier während unserer Fuji-tour auch sehr diskret und unkompliziert kostenlos untergebracht. Zuerst ging es zu Fuß zur Busstation in Gotemba, von wo der Shuttle-Bus zur 5th Station des Gotemba Trails abfahren sollte. Generell starten alle vier Trails von sogenannten fünften Stationen, diese liegen allerdings unterschiedlich hoch. Unsere 5th Station lag auf 1.400m Höhe und die anderen liegen teilweise bis auf 2.400m Höhe (Fujinomiya). Die am meisten begangene Route ist die Yoshida Route mit ca. 150.000 Pilgern im Jahr (und das Jahr sind nur die beiden Monate Juli und August). Die von uns gewählte Gotemba Route wird nur von einem Zehntel davon gewählt.

Das Torii zum Berg am Mount Fuji.
Das Torii zum Berg.

An der Bushaltestelle machen wir uns noch Gedanken, ob unsere Pilgerausrüstung ausreichend ist. Wenn Japaner etwas machen, dann richtig und so wird man in sämtlichen Informations-Broschüren darauf hingewiesen eine hochalpine Ausrüstung zu haben, sowie speziell für unseren Weg genug Verpflegung, da die erste Station erst nach ungefähr sieben Stunden Gehzeit auf fast 3.000m mit Essen und Trinken auf einen wartet. Im Vergleich bietet wohl der Yoshida-Trail mehr oder weniger ständig Stationen mit Verpflegung an. Wir sind gespannt, ob wir auch ohne Gamaschen und Wanderstöcke zum Ziel pilgern können.

Im Nebel.
Im Nebel.

Wir starten also um kurz vor 9 Uhr an der fünften Station des Gotemba-Trails. Die Sicht ist schlecht und das Klima feucht-fröhlich. Wir werden ständig von Mount Fuji Runnern überholt. Es gibt hier wirklich Leute, die in Laufklamotten den Berg hochjoggen. Alle 2000 Schritte nehmen wir uns vor eine Pause zu machen. Sina zählt fleißig mit – bei über 9000 verzettelt sie sich aber irgendwo. Der Weg zieht sich. Man sieht nichts. Ständig folgen wir der recht guten Markierung. Nach dem Mittag regnet es, aber als der Regen weniger wird, können wir die erste Hütte sehen. Total motiviert ziehen wir das Tempo nochmal an. An der Hütte angekommen, ziehen wir es vor eine Nudelsuppe gegen eine äußerst großzügige Spende zu essen anstatt den drei Heiligen Japans Asahi, Kirin und Sapporo zu huldigen. Die nächste Hütte liegt nur 50m höher und ist auch bereits in Sicht. Als wir diese passieren, begleitet uns von dort eine Mitarbeiterin der höchstgelegenen Hütte, in der wir auch übernachten wollen, von dort an an Stück. Wie wir von ihr erfahren, wird diese Hütte wohl sehr voll werden. Wir sind erstaunt, haben wir doch insgesamt recht wenige Menschen auf unserem bisherigen Aufstieg getroffen. Da wir nicht telefonisch reserviert hatten, folgt ein kurzer Moment der Spannung, ob wir dort eine Ecke zum Schlafen finden können. Sie gibt nach einem kurzen Telefonat Entwarnung, für uns zwei wäre noch ein kleiner Platz frei. Ok, wir steigen weiter bis auf 3.300m zu der höchstgelegenen Hütte auf dem Gotemba-Trial auf. Gegen 15 Uhr kommen wir dort an. Die Hütte ist noch überschaubar leer. Allerdings kann man bereits erahnen, was von diesem mehr oder weniger einen Raum später alles als Schlafmöglichkeit genutzt werden kann.

Pilsner-Station auf japanisch.
Pilsner-Station auf japanisch.
Schlafplatz A von unserem Schlafplatz gesehen.
Schlafplatz A von unserem Schlafplatz gesehen.
Schlafplatz B von unserem Schlafplatz aus gesehen.
Schlafplatz B von unserem Schlafplatz aus gesehen.

Übernachtung am Mount Fuji

Bis zum Abendessen um 17 Uhr füllt sich die Hütte ordentlich, nach offiziellen Angaben übernachten dort 150 Leute. Es gibt Curry-Reis und das soviel man mag. Wir unterhalten uns mit einer amerikanischen Boyscout-Gruppe, die gerade auf Japan-Austausch ist und später mit einem schweizer Wanderer. Nach dem Essen wird das Wetter bedeutend besser und nach dem Aufreißen der bisher geschlossenen Wolkendecke wird der Blick auf den bereits hochgelaufenen Weg frei und auf den noch bevorstehenden Aufstieg. Bis weit nach 20 Uhr, es ist bereits seit 1 Stunde dunkel, kommen noch Menschen auf der Hütte an. Wir huldigen dann doch noch dem heiligen Asahi und gönnen uns ein Bier, während andere mit der Höhe zu kämpfen haben. Nach Tibet scheint uns das nichts mehr auszumachen. Gegen 21 Uhr quetschen wir uns dann in die Menschenkonserve, untere Lage hinten rechts, und versuchen zu schlafen. Um halb drei Uhr wollen wir aufstehen um die verbleibenden 1,5 bis 2 Stunden zum Kraterrand noch vor dem Sonnenaufgang zurückzulegen. Wie ungefähr zwei Drittel der Wanderer.

Sundowner mit Asahi Anbetung am Mount Fuji.
Sundowner mit Asahi Anbetung.
Hier ging es hoch!
Hier ging es hoch!
Blick Richtung Gotemba und Numazu.
Blick Richtung Gotemba und Numazu.

Zum Sonnenaufgang auf den Mount Fuji

Wir werden aus der unbequemen Nachtruhe gerissen als bereits um ein Uhr die ersten Menschen sich zum Aufbruch bereit machen. Wir ziehen es vor die verbleibenden Zeit hier in der warmen Hütte abzuliegen, als oben am Krater ewig vor dem Sonnenaufgang zu frieren. Als die Zeit dann reif ist, gibts ein kleines Frühstück mit Rosinenbrötchen für uns. Dann die Lampen raus und ab auf den Weg. Wie an einer Schnur schlängeln sich die Lichter den Berg hinauf. Zwischendurch hat eine Gruppe ihr Sauerstoff-Lazarett aufgebaut. Wir überholen. Mit neuer Bestzeit und relativ entspannt kommen wir am Kraterrand an und bereiten uns auf den Sonnenaufgang vor.

Kurz vor dem Sonnenaufgang auf dem Mount Fuji.
Kurz vor dem Sonnenaufgang auf dem Mount Fuji.
Jaja, Nacht wars, kalt wars, Kind hat kalt Arsch...
Jaja, Nacht wars, kalt wars, Kind hat kalt Arsch…
We are not alone...
We are not alone…

Die Sonne geht auch heute wieder auf. Nach dem Spektakel machen wir noch eine Kraterrunde (oder Katerrunde?) und sind total geschockt, wie viele Leute die anderen Trails hochmarschiert sind.

Boom, c'ist le Shock. Die Pilger-People vom Yoshida-Trail, a bist was geht immer...
Boom, c’est le Shock. Die Pilger-People vom Yoshida-Trail, a bisl was geht immer…

Der Abstieg zur Hütte geht anschließend recht flott. Dort gibt es ein zweites Frühstück. Wir überlegen um halb 8 Uhr, ob wir den Bus ab der fünften Station nach Gotemba zurück um 11 Uhr noch bekommen können und starten den Abstieg. Der Abstieg gestaltet sich flott. Für gut drei Viertel der verbleibenden Strecke kann man über das riesige Aschefeld rennen (Osunabashiri heißt das wohl auf japanisch). Mit jedem Schritt kann man fast einen halben Meter den Berg runter rutschen. Am besten geht das auf langen Abschnitten mit ca. 5 Millimeter großer Asche. Unterwegs schauen wir auf die Uhr und um kurz vor neun überlegen wir, ob wir den Bus um 9:25 Uhr noch bekommen können.

Tatsächlich kommen wir um viertel nach neun an der Bushalle Stelle an. Genug Zeit um für Jean den Fuji Schein zu machen. Für den Aufstieg haben wir insgesamt ungefähr 8 Stunden gebraucht und für den Abstieg weniger als drei Stunden.

In Gotemba angekommen ist es wieder über 30 Grad warm und die Sonne scheint – wir sind natürlich viel zu dick angezogen. Ab Bahnhof wollten wir gleich den Nachtbus nach Kyoto buchen. Leider komplett belegt. Wir holen unser Gepäck am Hotel ab und machen dort noch eine kleine Umzieh und Umpack-Aktion im Foyer, aber die Leute sind top diskret und scheinbar interessiert das keinen. Anschließend beschließen wir an der Highway-Bus-Haltestelle auf den Tagbus nach Kyoto zu warten und hoffen, dass dieser noch zwei freie Plätze hat. Lies auch unseren nächsten Beitrag zu Kyoto.

Mehr Bilder wie immer unter der Galerie zum Mount Fuji.

3 Gedanken zu „Die Sonne überm Fujiyama (Mount Fuji)

  1. ExexH1 Antworten

    Hier wieder wir….vier zwei suchen Bier…..
    Ist es gut was wir suchen? Oder ist es Schnee vom Fuji? Egal wie und wo überhaupt. …Hauptsache. ..kalt. Schnee und auch Bier. ..das ist schee.

  2. Marc Kulcke-de Beauclair Antworten

    Liebe Sina, lieber Jean,
    jetzt seit Ihr schon ? drei Monate unterwegs und jetzt erst melde ich mich bei Euch. gerade habe ich mit Bärbel eure letzten Berichte studiert und es ist herzzerreißend schön Euch über euren Blog zu begleiten.
    Die Bilder vom Festival in Tokyo mit euren Gastgebern Tomo, Taka und Familie gefallen mir besonders, welch ein schönes Zusammenkommen in einer fremden Kultur,…und unter den Tänzern hätte ich euch kaum ausgemacht,…Ihr habt wohl vorher geübt 🙂
    Hier vergeht die Zeit wie immer im Flug. Auch wenn ich viel arbeite genieße ich es den Sommer ohne die stressigen Wochenenden mit Konzertdiensten bei den Weilburger Schloßkonzerte zu verbringen. Nach 11 Jahren Weilburg der ersten Sommer der so ein bißchen was normales hat. Yiipiiiie!
    Ich melde mich in Kürze, jetzt will Bärbel Euch noch schreiben.

    Alles Liebe, habt es gut miteinander!
    Marc
    Hallo Liebe Sina Hallo Lieber Jean
    Jetzt habe ich euch erst vor kurzem in echt kenngelernt und bin begeisterter „Follower“. Es macht Freude eure berichte zu lesen und an eurer Reise teilhaben zu dürfen. Da ist alles dabei, Strasse, Luft und Schienen, Zelt, Wohnung , Hotel und Zugabteil. Ich wünsche euch weiterhin eine richtig gute Zeit und lauter leckere Sachen zu essen. Den Kuchentag finde ich richtig dufte.
    Morgen geht es Wieder los und dann sin es noch 40 Tage bis zu den Herbstferien……Ich bin zum ersten Mal seit 32 Jahren für 28 Tage OHNE Kinder, also voll sturmfrei, ich kann es noch gar nicht fassen.
    Seid herzlich gedrückt und liebe Grüße aus Egelsbach
    Bärbel

    • Jean Autor des BeitragsAntworten

      Hey ihr beiden,
      so endlich kommen wir mal dazu eure Kommentare zu beantworten (wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob ihr das per Email mitgeteilt bekommt, dass wir antworten). Ja, Japan hat uns wirklich gut gefallen, besonders die Hilfsbereitschaft der Menschen. An dem Festival Abend konnten wir uns nicht drücken, immer wenn wir an den Rand marschierten wurden wir immer wieder aufgefordert mitzumachen, ob wir das wirklich konnten bezweifle ich mal.
      Freut mich zu hören, dass der Sommer in Deutschland schön ist, wobei ja scheinbar schon fast wieder vorbei ist, nachdem was man so von den Temperaturen hört.
      Grüße J+S

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