Irkutsk, die Holzhausstadt

Guten Morgen Irkutsk

Zum ersten Mal mit mehr als einer Stunde Verspätung schlichen wir am Donnerstag, den 22. Juni 2017 um 7:30 Uhr Ortszeit, in den Bahnhof von Irkutsk-Passazirsky (lies auch mehr im vorherigen Beitrag zur Bahnfahrt nach Irkutsk).Wir waren noch ziemlich müde und sind auch noch ein paar Mal nach der geplanten Ankunftszeit eingepennt, da nachts gegen ein Uhr unser vierter Zimmerkollege zustieg und wir uns um 6 Uhr schon wieder aus den Kojen schälten um rechtzeitig aussteigebereit zu sein.

Bahnhof Irkutsk bei Tag...
Bahnhof Irkutsk bei Tag…
... und bei Nacht.
… und bei Nacht.

Die Offline-Karten von Google Maps haben uns wieder gute Dienste erwiesen und wir haben damit schnell zum Trans-Sib Hostel navigiert. Dieses war auch wieder in einem Wohnhaus untergebracht, aber wir waren diesmal auf unzureichende Beschilderung gefasst und mit Adlerauge entdeckten wir sofort die Klingel Nr. 8 am Hinterhof-Eingang.

Bereits die Haustür war aus schwerem Stahl geschmiedet. Wir marschierten durch ein abgeranztes Treppenhaus, bei dem sich wohl keiner fragt, wer heute mit Treppenhausdienst dran ist, bis in den zweiten Stock. Dort öffnete uns, wie wir erst später erfahren werden, Peter der Milchbubi-Herbergsvater die tresorartige Eingangstür. Wir hatten recht gemischte Gefühle.

Die Tresortür zum Hostel. Später durften auch wir sie bedienen.
Die Tresortür zum Hostel. Später durften auch wir sie bedienen.

Der Eingangsbereich war Rezeption, gemeinsamer Essraum und Küche, sowie Zockerecke von Peter. Nachdem er uns unser Zimmer gezeigt und im voraus abkassiert hatte, saß Peter bis auf kleine Unterbrechungen stets mit dem Rücken zu uns an seinem Laptop und hat irgendwelche Rollenspiele gezockt. Wir waren echt erstaunt und haben ein bisschen sein Lebenskonzept bewundert – einfach die eigene Bude zwei Nummern größer mieten, selbst im Empfangsbereich hinter dem Tresen schlafen und wenn das bisschen Zimmerübergabe gemacht ist, den restlichen Tag zocken.

Da wir die Bahntickets im voraus schon gebucht hatten, stand auch schon fest, dass wir nach drei Übernachtungen wieder weiterfahren würden. Daher war die Devise: ranhalten! Also schnell einen  Tee  im gemütlichen Kücheneck getrunken und ab nach Irkutsk-City und abchecken wie man am nächsten Tag, am bester per Boot, auf den Baikalsee kommt. Dieser ist ca. 70km von Irkutsk entfernt. Irkutsk selbst liegt direkt an seinem einzigen „Abfluss“ der Angara. Auf der Karte sieht ja alles immer wie 30cm aus, also mal schnell zum „Raketa“-Pier marschiert – es hat dann doch drei Stunden gedauert.

Irkutsk hat seine Lage am Fluss deutlich besser ausgenutzt als Nowosibirsk. Es gab einen recht gut ausgebauten Schlenderweg mit guter Aussicht am Fluss. Da merkt man gleich, dass Irkutsk mit dem Baikalsee auch für inländische Touristen aufgemöbelt wurde. Auch insgesamt macht Irkutsk einen besser erhaltenen oder gepflegteren Eindruck auf uns als Nowosibirsk, wenngleich es die kleinere Stadt ist.

Die Angara in Irkutsk bei Tag ganz nett...
Die Angara in Irkutsk bei Tag ganz nett…
... und auch bei Nacht.
… und auch bei Nacht.

An der Vorverkaufskasse für die Schnellboot-Karten galt mal wieder die Devise: ich nix verstehe. Geklappt hat es aber trotzdem und wir hatten die Karten für die Bootstour am nächsten Tag von Irkutsk über Port Baikal und Listwjanka nach Bolshiye Koty, einem sehr pittoreskem Dörfchen. Dieses ist nur über den Wasserweg zu erreichen – im Sommer mit dem Schnellboot und im Winter über eine Straße auf dem zugefrorenen See.

Nach einem kleinen Snack Schaschlik mit Pommes am Strand, was mal wieder mit null russisch bestellt wurde, wollten wir den öffentlichen Nahverkehr austesten. Schrieb ich vorhin noch Irkutsk ist recht gut in Schuss, so gilt das nicht so für die meisten seiner Straßenbahnen oder Minibusse. Echt heftig was hier in der öffentlichen Personenbeförderung noch fährt, wenn bei uns in Deutschland der TÜV Autos wegen einem fehlenden Blinklicht schon nicht durchkommen lässt. Naja, 15 Rubel pro Fahrt pro Person, ca. 25 Cent was soll man da meckern?

Die Armee des ÖPNV.
Die Armee des ÖPNV.
Straßenzustand ganz ok, oder?
Straßenzustand ganz ok, oder?

Am nächsten Tag ging es zur Abfahrt der „Raketa“. Mit diesem Schnellboot ging es in knapp zwei Stunden bis nach Bolshiye Koty. Im Schnitt wird das Teil so 70km/h gefahren sein. Eigentlich etwas schnell für eine gemütliche Kaffeefahrt. Aber wir wollen ja möglichst viel Zeit am Zielort verbringen. Unterwegs hat eine recht aufmerksame und des Deutschen mächtige Russin, die uns gegenüber saß, unsere fragenden Gesichter gesehen und uns sämtliche russischen Durchsagen simultan übersetzt. Nach einem kurzen Gespräch schlug sie vor uns nach der Ankunft den Anfang zu einem aussichtsreichen Wanderpfad zu zeigen. Wir sind Ihr und Ihrem Mann nach der Ankunft der Fähre also direkt hinterher marschiert, das schöne Dörfchen haben wir dabei erstmal gar nicht anschauen können. Wir haben nur gemerkt – ganz schon frisch hier so am See, ob das mit dem Baden noch wahr wird…

Der Wanderweg, Teil des Great Baikal Trail, war wirklich sehr schön. Zwischendurch kamen wir an einer Feuerstelle mit Unterstand vorbei, bei der ein Paar ihr Zelt noch aufgebaut hatten und über dem Feuer noch etwas kochte. Die Aussicht in die unberührte Natur war einfach genial, vor allem nachdem wir zuvor, bis auf die Bahnfahrten, nur in Großstädten unterwegs waren (Die Bilder vom Baikalsee und Bolshiye Koty gibts morgen, bin noch nicht mit der Auswahl hinterher gekommen 😉 ).

Nach knapp zwei Stunden machten wir wieder kehrt um die Fähre zurück nicht zu verpassen und legten dabei tatsächlich noch den Badestop ein. Ja, der Beikalsee ist auch im Sommer kaaaaalt!

Vor der Abfahrt der Fähre hatten wir noch genug Zeit um diesmal mit sehendem Auge durch das wirklich kleine Dörfchen zu schlendern. Für unsere Augen echt total ungewohnt zu sehen in was für Hütten die Menschen hier leben. Komplett aus Holz, manche sehen auch aus wie aus dem vorletzten Jahrhundert. Sehr verwittert teilweise, andere wieder schön gestrichen. Alte Autos und verwahrloste Traktoren stehen in den Gärten. Insgesamt war alles sehr schön anzugucken und wirkte sehr gemütlich, vertraut und entspannt. Wenn man irgendwo mal richtig abschalten will, ist das hier sicher der perfekte Ort!

Der Rückweg hat trotz Schnellboot und Minibus doch recht lange gedauert, sodass nach dem Einkauf im Supermarkt, das Abendessen mangels Sonne am Fluss dann doch ausfiel und im Hostel eingenommen wurde.

Die Holzhausstadt

Am letzten Tag in Irkutsk stand zur Option noch einmal zum Baikalsee zu fahren. Aber diesmal mit dem Bus und das nur nach Listwjanka. Wir waren allerdings vom Tag vorher etwas platt und haben zuerst den Vormittag vergammelt und dann entschieden in der Stadt zu bleiben. Dort gibt es mehrere Straßenzüge, in denen noch ursprüngliche Holzhäuser mit schön verzierten Fensterrahmen stehen, die wir dann abgelaufen sind. Zudem gibt es noch eine Mickey-Mouse Version von einer Holzhausstraße, die die neue Café- und Restaurant-Meile ist. Hier haben wir versucht ein möglichst typisch russisches Restaurant zu finden. Eines, welches nach Empfehlung recht gut sein sollte, war allerdings schon ausgebucht. Wir fanden dann ein nicht ganz so typisches und dort gab es dann trotzdem die Borscht-Suppe, Lachskaviar, Omul-Fisch, Rind- und Hühnchen Schaschlik gegrillt über Holzkohle sowie russisches Bier.

Holzhaus etwas ländlicher.
Holzhaus etwas ländlicher.
Auto
Auto
Laster
Laster
Holzhaus
Holzhaus
Holzhaus
Holzhaus

Nach dem Essen sind wir nochmal kurz die für diesen Samstag aufgebauten Partymeilen abgelaufen. Hängen geblieben sind wir am, wie uns später verraten wurde, Young-Mens-Fest am Fluss. Anmerken muss ich mal, dass wir bisher wirklich Schwierigkeiten hatten, komplett besoffene Russen zu finden. Bei den Festen die wir hier beobachtet haben, wurde scheinbar sowohl wenig selbst vorgeglüht also auch kein Alkohol ausgeschenkt. Die Supermärkte haben zudem eine Sperrstunde für Alkoholverkauf. Die Russen können auch scheinbar ohne Alkohol ziemlich viel Spaß haben!

Als wir dann zurück zum Hostel kamen, haben wir die eigentliche Betreiberin kennengelernt. Diese konnte im Gegensatz zu ihrer Vertretung Peter englisch und so konnten wir uns mal wieder mit jemandem etwas länger unterhalten.

Irkutsk hat uns wirklich gut gefallen, auch hier sind wieder viele jüngere Leute unterwegs und alle sind trotz mangelnder Englischkenntnisse sehr hilfsbereit. Etwas bedauert haben wir, dass unsere Weiterfahrt schon feststand und dass unser Aufenthalt hier so kurz war, da wir sonst auf jeden Fall noch längere Zeit am Baikalsee direkt verbracht hätten. Hier kann man sicher einige Zeit mit Wandern in recht unberührter Natur direkt am Wasser verbringen. Vielleicht gibt es ja nochmal ein Besuch…

Bahnhof Irkutsk
Bahnhof Irkutsk

Am nächsten Tag ging es dann früh zum Bahnhof, noch kurz vorher im Minimarkt Verpflegung eingekauft, sodass wir mit unserem Zug um 8:12 Uhr nach Ulan Bator in die Mongolei aufbrechen konnten. Lies mehr in unserem nächsten Beitrag zum Baikalsee.

2 Gedanken zu „Irkutsk, die Holzhausstadt

  1. Laura Antworten

    Hey ihr Zwei!
    Eva hat mir erzählt, dass ihr einen Blog habt und jetzt folge ich fleißig und hab erstmal alle Einträge bis jetzt nachgelesen. hihi
    Da wird man direkt neidisch und ich überlege schon, wann ich mal so eine Reise planen kann.

    Ganz liebe Grüße aus Frankfurt,

    Laura

    • Sina Antworten

      Hallo Laura,

      schön wenn dir unser Blog gefällt und inspiriert:-)
      Wir werden auch fleißig weiter berichten, denn das bringt zumindest ein bisschen Struktur in den Tag/die Woche.

      Viele liebe Grüße in die Heimat!
      Sina

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